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I know what I did last summer

Ich suchte Entrückung.
Schier platzend, bald aggressiv, bald traurig tigerte ich meinen Weg, jeden Tag. Gierig suchte ich den Wahnsinn in Alkohol zu tränken.
Bald lief ich stundenlang, buchstäblich fort von mir selbst, bis meine Blasen Blasen bekamen und ich den Kollaps nahe war.
Ich streunte durch die Nächte, schrie den Mond an, er möge Erlösung schenken, wie der Monsunregen.
Wenn man ganz unten ankommt, dann kann man nicht mehr fallen. Ich rannte, schwitzte, kochte, schrieb und hasste. Dann schlief ich unruhig und ohne mich zu erholen, Tag für Tag. Mein Leben wie ein Fließband.
Ich hatte keinen Appetit und keine Lust. Aber das hatte keine Bedeutung mehr. Ich fühlte keinen Wert mehr in den alltäglichen Dingen, stumpfte ab, gleichgültig. Alles wurde so kontrastlos, gleich. Bis ich zu einfachen sozialen Kontakten nicht mehr fähig schien. Man fand mich langweilig, ich war profillos, ohne Kanten, aber auch ohne jede Kontur. Ich hatte mich selbst in meine eigene Gleichgültigkeit geboren.

Wie kam ich nur da drauf...

Die Luft trug noch immer den Rauch der letzten Nacht, als ich die Augen öffnete. Den bitteren Geschmack herunter schluckend blickte ich müde umher. Die meisten der Kerzen waren ausgegangen, das Licht der verbliebenen Stummel zauberte einen faden Schein auf einige schlafende Gestalten. Auf meinem Schoß ruhte eine elektrische Gitarre. Ich drehte den Lautstärkeregler auf Null und das Brummen des Verstärkers verschwand langsam. Auf der anderen Seite des Sofas, auf dem ich saß schlief Richie den Schlaf der Gerechten. Gegenüber, jenseits des mit Kerzenwachs und Bierflaschen verzierten Tisches, auf der anderen Couch war Andy über einem Saxophon eingeschlafen.
Ich reckte mich kurz und begann mehr reflektorisch einige Saiten anzuschlagen. Unverstärkt zerplatzten die Klänge zwischen kaltem Zigarettenrauch und Bierdunst. Ich spielte weiter, langsam und leise und ebenso langsam begann ich mich zu erinnern.
Es klang, wie angeschlagene Weingläser, wie ein Toast bei einer Gala, wie ein Prosit auf einen guten Freund. Plong-pling-pi-ping.
Und ich stellte den Volumeregler auf eins und die Röhre in dem kleinen Engl-Verstärker erwachte erneut, heulte und zog die Töne wie Kaugummi in die Länge, presste sie aus und entlies ihre kernige Seele in den Raum. Ich schloss wieder die Augen und zupfte blind eine Melodie, die ich selbst noch nicht kannte, aber die so schaurig-schön war, dass sie mir die Tränen in die geschlossenen Augen trieb. Huuu!
Der Raum um mich verschwand, der Geruch nach Schweiß und die drückende Wärme blieben. Ich stand im Schatten einer Bühne, vor mir ein Meer aus Leibern und Köpfen, die erwartungsvoll zu mir blickten.
Ich machte einen Schritt, stieß mit dem Oberschenkel gegen die Les Paul.
Der dumpfe Bass umschlang mich wie Nebel. Ein Windstoß ergriff mich, trug mir den Sand und allerlei Gerüche der Freiheit zu, verwirbelte meine Haare. Es war heiß, der Tragegurt klebte an meiner nackten Schulter. Ich lehnte mich dankbar zurück, wechselte das Plektron zwischen meinen Fingern und spielte diese Melodie, so ergreifend und bewegungsreich ich nur konnte. Ich lief hin und her, die traurige Energie in Musik zu verwandeln, stampfte, sprang und schlug den Bass an. Ich ries den Hals nach oben, hielt mich nur am Vibrato. Wie eine Welle, die zurück rollte erklang das Echo aus den mitwiegenden Leibern.
Als ich den letzten Ton gespielt, vibriert und bis zur letzten Sekunde ausgehalten hatte trat neben mir ein Saxophon auf die Bühne: Andy!
Mit nicht weniger Hingabe blies er sich die Backen auf und entlockte seinem Instrument Töne in allen Farben. Ich lief zurück, während Andy seine Interpretation dieser Melodie spielte, die keiner von uns kannte.
Auch er beflügelte den letzten Ton und wieder wurden seine Mühen und sein hochrotes Gesicht mit zustimmenden Schreien gedankt.
Ich griff die Whiskeyflasche, die auf einer mannshohen Box stand, stellte mich neben Andy und sah ihn an. Er lachte, das Schilfrohr noch immer zwischen den Lippen. Wir zählten nicht ein, wir wussten nicht warum. Aber wir spielten uns die Melodien zu, wie Tennisbälle. der Hals der Whiskeyflasche glitt über die Bünde. Andy bog sich, wie er die Töne bog, presste in Rücklage die letzte Luft aus seinen Lungen, beugte sich vornüber, küsste sein Instrument, wie kein Zweiter.
Ich schloss die Augen, griff Akkord um Akkord, extatisch, drehte mich dabei im Kreis, in der Musik. Da war nur das Saxophon und irgendwie wusste ich, als es Zeit wurde. Ich drehte den Volumeregler kaum merklich herab und schlug die Saiten an. Er holte noch einmal tief Luft, lies eine Pause entstehen, bevor er ein Solo begann, das mir in Mark und Bein fuhr. Jeder Ton war mit derart viel Liebe entstanden, jedes Intervall enthielt soviel Spannung und jeder neue Ansatz brachte eine Flut neuer alter Gedanken, Erinnerungen mit. Soviel Angst und Zweifel, soviel Hoffnung und Resignation brachen aus seiner Musik hervor, dass ich irgendwann kaum mehr fähig war zu spielen, sondern meine Gitarre still hielt und nur mit offenem Mund da stand.
Mit einem Mal war es Totenstille. Allein Andy, der in seiner eigenen kleinen Welt zu sein schien und sein Instrument waren existent.
Seine Melodie wurde langsamer, wie die letzten Tropfen, die aus einer Flasche rinnen. Als er den letzten Ton hielt, den letzten Tropfen aus dem Flaschenhals sog wurde es dunkel.
Gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, der vor Kerzenwachs und leeren Flaschen kaum freie Fläche zeigte, jenseits des Aschenbechers, in dem ein nicht zuende gerauchter Joint lag, saß Andy auf dem Sofa, seine Arme fest um das goldene Blech gelegt und mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Richie räkelte sich neben mir im Traum.
Ich wusste nicht wie laut, oder ob ich überhaupt gespielt hatte. Aber scheinbar hatte sich niemand stören lassen.
Vorsichtig lehnte ich die Les Paul gegen den Verstärker und schwang mich unter leichtem Stöhnen in die Höhe. Mir war schwindelig, aber ich hielt mich an der Rückenlehne des Sofas fest, als ich mich langsam zur Tür quälte. Die Sonne warf helle Lichtsäulen durch die Schlitze des Rolladens, die sich mühelos durch die dicke Luft schnitten.
Jede Bewegung tat weh, mein Kopf fühlte sich an, wie eine geplatzte Bratwurst.
Erst jetzt übersah ich die vier schlafenden, zusammengekauerten Gestalten. Hannah war auf Julians Schoß eingeschlafen. Patrick und Tilo teilten sich im hinteren Eck einen dreckgen Schlafsack in Neonfarben.
Die Tür führte ans Tageslicht, direkt in den Garten.
Kühle, frische Morgenluft kam mir entgegen, wie eine kühle, frische Dusche. Ich stand da, blinzelte in die Sonne, lies mir die Mief und den Rauch vom Körper waschen und fühlte mich leicht. Ich streifte meine Turnschuhe und die Socken ab, breitete die Arme aus und setzte die nackte Fußsohle auf das taunasse Gras. Der Boden war kühl und es kitzelte beim Gehen. Aus eine sehr merkwürdige und andere Weise ging es mir gut. Ich freute mich auf den Tag.

Selbstbeschreibung

 Die Leute, die behaupten, ich würde mich für klug halten sind dieselben die den Glauben an Reichsflugscheiben gut heißen. Hier ein Gedicht,...