ein Wiegenlied ohne Titel, September 2005

Schlafe in Frieden erwarte den Morgen.
Im Schlafe alleine vergehen die Sorgen.
Erträume dir Wolken, welche dich tragen,
erträume ein Leben ohne Fragen.
Ruhe nun sanft und lausche der Nacht,
schließ die Augen und träume sacht.

Beruhige die Seele, denk an diesen Tag
und was er dir alles gebracht haben mag.
dein Geist schweift im Winde, dein Körper ruht
ich verspreche dir heute: morgen wird gut!
Verspreche, dass morgen die Sonne lacht,
nun schließe die Augen und ruhe sacht.

Verwerfe was heute daneben gelaufen
wir werden die Sorgen in Träumen ersaufen
Ich weiß einen Ort, der dir Fehler verzeiht.
Genug auch für heute mit Kummer und Leid.
Bette dich nun und vertraue der Nacht,
schließe die Augen und schlafe sacht.
#Juni06
das war für G., die nicht mehr G. ist.


Du lachst, siehst mich an.
Wir reden und scherzen.
Wir sitzen im Park,
essen Eis
Gedankenverloren geniesen
zu zweit.

Ich lache, seh dich an
Du bist so wunderbar
im gelben Sommerkleid.
Verschmitzt
der Saum blitzt frech
verrutscht, und
du blinzelst, oder
zwinkerst du mir zu?
Stille Post
#September 06
Auch dies schrieb ich in Gedanken an Frau Z.

Was tat ich? Wem gab ich mich hin?
Die sündig' Angst, die mich zur wallung trieb
zeigt mir, wie schwach und hilflos ich nur bin!
Ein leerer Geist! ein leeres Herz, das diese Zeilen schrieb

Oh lass aus diesen lüstern' Stunden
nur dieses eine Mal nichts was kausal
nur keinen Schmerz erwachsen, keine wunden,
dass meiner Schwachheit Folge nicht zur Qual

Ein einzig Trost, ein kleiner Stern
der meine Furcht entblößt und gnadenlos zerbricht
ein kleines Wort: ich hab dich gern!
geflüstert, dennoch voller Zuversicht!

Käfig

Das Gedicht ist das Resultat von ein wenig Herumreimen auf dem Nachhauseweg. Ich hatte ein Dekoherz gesehen in einem Garten. Das Herz bestand aus Eisenstreben, die die Kontur andeuteten. Folgende Assoziation:

Ich hab dich in mein Herz geschlossen
und hab den Schlüssel abgebrochen.
So sollst du nun für immer mein
und mein Herz dein Gefängnis sein.

Gaudeamus igitur

Ich sitze im Zug. Im Ohr immer noch das hochfrequente Klingeln, das mich noch eine Weile begleiten wird. Das Abschiedsgeschenk.
Als ich beschlossen hatte die Party für mein Dafürhalten für beendet zu erklären und den Heimweg anzutreten badeten die ersten Seelen schon in der weingeistgeschwängerten Hoffnung, dass die Spaßkurve ihren Zenit noch nicht schon längst überschritten hatte, wie der verbrauchte Körper einer Bordsteinschwalbe mit Mitte fünfzig, und im traurigen, wenn auch nachvollziehbaren Versuch diesem "letzten" Abend des Zusammenseins noch Mehrwert hinzu zufügen plärrte viel zu laute und schlechte Musik aus den Boxen und viel zu starre, traurige Augen straften das Gelächter aus viel zu trockenen Kehlen lügen. Der Abend hatte die Erwartungen, die der Tag an ihn gestellt hatte nicht halten können und keiner im Raum war Willens sich das einzugestehen. Es musste schließlich etwas Legendäres werden, was man in Erinnerung behält und wovon man sich noch in Briefen und Brieftauben erinnern wird. Eine echt verrückte Nacht!
Das prickelnde Gefühl durchfuhr mich wieder. Ich zuckte unweigerlich zusammen, meine Hoden wurden autonom in die schützende Umgebung der Leistenkanaele gezogen und ich seufzte.
Nicht das angenehme Prickeln, das im Bauch, unweit der Nebennieren und einer verschleppten Blähung nicht unähnlich beginnt, sich gänsefederleicht über die Leisten bis zum Steißbein vorarbeitet und schließlich mit eiskalter Eleganz die Wirbelsäule empor klettert.
Es war eher das "Bitte nicht nochmal"-Gefühl an einen Weidezaun zu packen.
Bevor ich meinen Kopf nach rechts wandte wusste ich, woher dieses Gefühl kam. Sie wusste nicht genau warum sie es tat, nur dass sie es tun wollte. Ich sagte nichts und mein bitterer Gesichtsausdruck schien sie nicht zu stören. Ihre Seele verlangte nach Frieden und Glücklichsein für diesen Augenblick in der ständigen Gewissheit, aus welchen Anlass wir alle hier waren. Und angesichts des abnehmenden Alkoholspiegels und der nach Nachschub japsenden GABA-Rezeptoren kanalisierte sich dieser Wunsch in der Suche nach intensivem Hautkontakt. Ein Anschmiegen, das sich für mich wie Gliederschmerzen anfühlte.
Wer hätte ihr einen Vorwurf machen können? Aber war das der Augenblick, der uns als letztes von einander im Gedächtnis bleiben sollte? Hatten wir nicht unzählige unbezahlbare Stunden verbracht, die das Stimmungsbarometer des Abends - der Uhrzeit - jederzeit mit Leichtigkeit überstiegen hatten? Wozu also das müde Lachen, die Angst vor den kommenden Wochen in den Augen?
Doch es war schon zu spät diese Fragen zu stellen, so wurde es mir auf einmal mit ernüchternder Klarheit bewusst. Nachdem sich jetzt beide der jungen Frauen auf dem Schoß zweier Anwesenden wie zwei Hennen auf ihrem Nest niedergelassen hatten und der Kopf auf die männliche Brust nieder gesunken war beschloss ich also, dass meines Bleibens hier nicht länger sein könne. Wie die Erinnerung an den letzten Kater spürte ich, dass mir dieser Abend morgen vermutlich leid täte und der magische Augenblick schon vergangen war, als die Musik nicht mehr in der Brust und nur noch im Ohr zu hören, die letzte Flasche Sekt ausgeschenkt, die Sprache verwaschen und die letzte Hoffnung von falscher Vorstellung beflügelt zu immer kompromissloseren Ausnahmen bereit war.
Als ich mich anzog spürte ich wieder dieses unangenehme Kribbeln und den unverwechselbaren Druck zweier Brüste, die sich an mich drückten. Acetaldehyd und eine warmer Hauch von Tomatensalat mit Dill baten mich aus myoper Distanz zu bleiben. Ich solle hier schlafen, aber auf jeden Fall solle ich noch bleiben. An einem anderen Tag hätte ich dem Vorschlag eine ernsthafte Chance gegeben, aber die anderen Tage waren vorbei.
Vom Treppenabsatz rief sie mir irgend etwas über ihren Körper nach, das ich nur halb verstand und nicht verstehen wollte. Nicht, dass wir nicht alle den selben Wunsch gehegt hatten was diesen Abend betraf. Ohne mich umzudrehen verließ ich die Wohnung, nicht ohne einem weiteren trunkenen Umarmungsversuch zu entgehen. Sie taten mir leid, es tat mir leid und ich wusste nicht einmal genau warum. War ich ein Spielverderber, ein Freund, der keiner war, wenn man ihn brauchte? Oder hatte ich versucht das alles in guter Erinnerung zu behalten? Zweifelsohne war dem Abend nichts mehr hinzu zufügen gewesen. Zumindest nichts Gutes.
Ich sitze im Zug und fahre fort von der Stadt, die uns zusammen geführt hat. Mit jeder weiteren Minute verblassen die letzten Augenblicke, das merkwürdige Gefühl etwas Wichtiges nicht getan zu haben angesichts der Versprechen, die wir uns zum ersten Toast gegeben hatten. Mit jedem Kilometer wünsche ich uns, dass wir unseren Frieden finden in diesem Abend. Jeder für sich, von einander getrennt und in Gedanken zusammen.

Verwachsen

Ich bat dich, meine Liebe:
"Nimm dies!"
Kein Glück, aber
sonst die ganze Welt

Du gehst und nimmst
mich nicht mit,
nimmst mich und
nimmst mich doch nicht mit

Lässt mich im Regen stehn
nimmst mich
nimmst mich nicht mit
und ich verlange nichts

Ich rufe dich, schreie
nach deiner Liebe
mein Name steht alleine
in der Rinde
des Lindenbaums.

Was kann ich für dich sein?
was kann ich für dich geben?
"Nimm dies!", so sprach
ich, bat ich dich:
Mein Herz, mein Stolz
nur mich, mein Leben.

Erinnerst du dich
einst, als du
hier standest.
Und meinen Namen riefst
so laut du konntest.
Mir einst die
Liebe schworst,
die stille Treue

Und ich nicht
sagen konnt, wohin
wozu, und wer
und überwältigt war
von dir.

So fest hieltst du
an dieser Liebe fest
dass alle Überzeugung
ich verlor.
Noch immer klingt
der eine Satz
wie magischer Gesang
in meinem Ohr.

So wagte ich den Sprung
und gab mich auf,
um der Erfahrung,
um der Liebe willen
Wo bist du nun
wo ist, was du beschworen?
Nun bin ich
hier allein und ohne dich
verloren.

Und kommst du noch
nach Jahr und Tag zurück,
wirst du in einem Lindenbaum
geschnitten in die Rinde
mit einem freien Platz
zur Seite
meinen Namen finden.

Der Buchmacher

Einführung in die Geschichte, die vor langer, langer Zeit geschrieben wurde


Alte Hände.
Alte, staubige Hände mit gelblichen Schwielen. Rauhe Hände, von vieler Tage Arbeit. Ledrige Haut, vom Sande der Wüste. Zitternde Bewegungen, von der Kälte der eingeschneiten Schlachtfelder. Stumpfe Nägel, die nicht mehr wachsen. Darunter wie die Ringe eines Baums: eine kurze Geschichte der Zeit.
Rechts schiebt die grauen Leinen von der Linken, den behaarten Arm hinauf. Sie rutschen zurück.
Links hält sich an Holz. Graues Holz, alt, staubig. Rauhe Maserung, rostige Nägel. Kirsche vielleicht, vielleicht noch härter. Oder das Holz von Noahs Arche.
Dunkle Dielenbretter, so unregelmäßig wie Treibholz. Vielleicht ist es das. Es hat sich etwas glattgerieben, vom Auf- und Abgehen. In den schattigen Spalten sitzt der Dreck der Straße. Abgelaufene Sandalen, die Füße darin erinnern daran, wie weit sie Menschen tragen können.
Ein Stuhl, nein ein Schemel. Ein Hocker. Kein großer Mann, eher schmächtig. Die Hexe gab ihm einen Buckel. Und auf dem Tisch...
Die Kiste ist leer, soweit leer überhaupt eine Bedeutung hat in dieser Kiste. Er nimmt das Brett und befestigt es an seinem Platz. Er legt den Hammer zur Seite, auf den Tisch. Etwas geht durch seinen Kopf.
Grauenvoll, seine Augen sind so dunkel, man kann sein Gesicht nicht sehen. Nicht, dass es Schatten gäbe in diesem Raum...
Prüfend horcht er an der Kiste. sein Haar fällt in einzelnen, grauen Strähnen von seinem Haupt und er streicht es beiseite. Es ist leise im Zimmer, im Raum, in der Zeit. Ein riesiges Rad dreht sich und setzt etwas frei, das niemals den Himmel sah. Am Mittelpunkt der Erde gibt es keine Sonne. Sein Körper, seine Seele, sein Geist, sie alle sind mit dem Rad verschmolzen. Doch es windet sich, frisst. Entrinnt. Der Mann schreckt auf, öffnet die Augen. Man sieht es und wundert sich. Der Mann ist blind.
Er ergreift den Hammer und führt den Dolch gegen die Kreatur. Ein lauter Knall erschüttert den Raum und wirft den Tisch um und all die Geräte. Das Licht erlischt. Es knackt, als wenn Knochen splittern. Die Kiste zerspringt, kein Teil, das auf dem anderen bleibt. Die Stücke fliegen durch das Zimmer. Ins Dunkel. Das Dunkel breitet sich aus. Schwefelgeruch. Das Tier schreit, es blutet. Es schreit. Dann ist es einfach weg und es ist wieder ruhig.
Mit einem Zischen entzündet der Meister ein Schwefelholz, das er von einem zitternden kleinen Mädchen gekauft hat, für ein paar Pfennige. Und er reicht die Flammen auf einen Kerzenstummel. Es wird warm und man sieht, wie der Meister bereits die Teile geschickt zu einem Ganzen fügt. Er nimmt neue Teile dazu, frische, zurecht gebogen und sorgfältig ausgewählt. Seine Finger arbeiten flink. Schon läuft ihm Schweiß die hohe Stirn herab, wäscht Spuren auf die dreckige Wange bevor sich die Rinnsale sammeln und als dunkle Flecken auf den Leinen bleiben. Schläuche füllen sich und zucken unruhig. Der Alte dreht an der Kurbel. Seile spannen sich, Ketten und Scharniere quietschen, als die Synthese erneut beginnt. Es kocht das Blut. Der Alte atmet schwer. Aber er lächelt, er lacht. Zunächst als nur ein Kichern doch es schwillt an. Ein kühler Wind streicht leise durch die Blätter und spielt mit den Früchten, schaukelt sie hin und her. Und schwingt stärker und schwerer. Der Wind wird zum Sturm, machtvoll und ungezügelt, bis es beinahe wehtut. Der Sturm reißt kleine Äste ab und treibt den Regen wie eine Peitsche. Und er, er schüttelt sich vor Lachen.

Inspired by

Selbstbeschreibung

 Die Leute, die behaupten, ich würde mich für klug halten sind dieselben die den Glauben an Reichsflugscheiben gut heißen. Hier ein Gedicht,...