Wieder der Beginn einer Geschichte.

Eine wilde Nacht ist das, denkt sie und lächelt ein bisschen. Noch leicht benommen vom Tanzen, von der Hitze und der Musik und den Cocktails steht sie unter dem erleuchteten Namenszug, dort, zwischen Lagerhallen und kleinen Bürogebäuden. Mitten im Industriepark.
Fahle Fassaden in grau, Tore, Mauern. Hinweißtafeln mit Firmenlogos. Lastwagen parken am Straßenrand. Warenlager mit großen, silbernen Toren und milchigen Fenstern. Moderne, aber triste Büros, Aktenordnern an Aktenordner.
Dumpf dröhnt der Bass durch die Betonwände der Diskothek nach außen. Sie hat nicht viel an und es ist kalt.
Hoffentlich kommt er bald, denkt sie, zieht die Schultern hoch und die kleine goldene Handtasche mit Schlüssel, Geldbeutel, Handy und dem Kondom an sich. Hoffentlich bald.
Warm ist ihre Haut noch vom Tanzen, von der Hitze und den Cocktails. Noch ist die Kälte nicht unter den kurzen, roten Rock gekrochen, um sie frösteln zu lassen. Noch nicht.
Er wollte nur schnell das Auto holen, hat er gesagt. Ein bisschen weiter weg geparkt, man weiß ja nie. "Was hast du für ein Auto?", hat sie gefragt.
"BMW, dreier." "Und welche Farbe?"
"Rot. Und schwarze Ledersitze." Sie mag Leder. Das sieht viel edler aus. Und sie mag Rot.
Sie kramt das Handy aus der Handtasche. Eine andere Uhr hat sie nicht. Hoffentlich kommt er bald.
War da ein Motorengeräusch? Ja, das wird er sein, denkt sie, geht ein Stück nach vorne, aus dem Lichtkegel, an die Straße. Etwas wackelig. Die frische Luft und der Alkohol.
Sie denkt an ihn. Wilde Nacht, ja! Es dürstet sie nach Zärtlichkeit. Heute wird sie nicht nach Hause kommen.
Wie seine Wohnung wohl aussieht? Ob er ein französisches Bett hat? Ob er zärtlich ist? Ganz sicher ist er zärtlich!
Die Vorfreude gleitet wie ein Schauer über ihren Rücken. Die Anspannung, wenn man den Körper des anderen nicht kennt. Die Reaktionen nicht kennt und all die kleinen Stellen. Wenn die Küsse und Berührungen noch vorsichtig und zart sind und kitzeln. Die Erregung zu spüren, wenn man weiß, was gleich passiert. Den aufgeregten, zitternden Atem zu hören, zu spüren. Wenn er mit seiner Hand unter ihr Top fährt.
Sie steht am Straßenrand und wartet und träumt.
Aus einer dunklen Ecke, hinter einem Lastenanhänger treten zwei Schatten auf sie zu. Sie sehen den roten Minirock, ihre glänzenden Augen. Das glitzernde Handtäschchen.
Sie sehen, was sie kriegen können und nehmen es.
Hinter einem LKW. Im Industriepark.

Man, eine echt wilde Nacht ist das, denkt er und grinst. Er spielt gerne den Fahrer, um Spaß zu haben braucht er keinen Alkohol.
Er stößt die Stahltüre der Diskothek auf und spürt sofort die frische Nachtluft. Etwas überrascht von dem Temperaturunterschied und der Sille zieht er den Reißverschluss seiner Lederjacke zu.
Eifrig zieht er vorbei an fahlen Fassaden, Toren, Mauern. Vorbei an den Lagerhallen und hinter den Lastern vorbei.
Nur kurz das Auto holen, dann gehts los, denkt er und holt die Schlüssel aus der Jackentasche. BMW. Man muss es nur einmal erwähnen und schon liegen einem die Mädels zu Füßen. "Was hast du für ein Auto?", hat sie gefragt.
Nur kurz den Wagen holen also. Etwas weiter weg geparkt, falls doch irgendein angetrunkener Idiot seinem Neid Luft macht. Man weiß ja nie. Niemals vor der Disko parken.
Er geht zügig. Weil es kühl ist, oder weil er innerlich triumphiert, das weiß er nicht.
Er denkt an sie. Sie wird nicht viel älter sein als achtzehn, aber das ist ihm egal. Eine kleine Gymnasiastin, die die nächtliche Welt kennen lernt. Und ihn trifft.
Ja, er weiß, wie man sie rumkriegt. Tausendmal schon gemacht. Diese Disko ist perfekt dafür. Ohne Auto kommt man hier fast nicht weg. Zur Straßenbahn geht nur ein langer, dunkler weg durch den Industriepark.
Nichts für junge Mädels.
Sie ist nicht die erste und nicht die einzige, aber er freut sich trotzdem wie ein Kind.
Er weiß genau, wie er sie nachher verführen wird. Hoffentlich zickt sie nicht, wie diese Schlampe vor einigen Monaten.
"Ich will das noch nicht!", äfft er sie jetzt nach. Blöde Kuh. Was glaubt die, wie das läuft?
"Ich will nur hier pennen, okay?!" Nicht okay! Wenigstens einen blasen hätte sie ihm können. So eine Nonne! Gleich morgens um sieben hat er sie rausgeschmissen.
Aber das passiert nicht nochmal! Heute weiß er, wie man solche Mädels vorher aussortiert. Er hat eine Nase für sowas. Heute ist eine wilde Nacht.
Pfeifend geht er die letzten Schritte bis zum Auto, wirbelt die Schlüssel um den Zeigefinger. So, jetzt nur noch kurz die Kleine aufgabeln und ab nach Hause. Er grinst wieder.

Schmerzen in den Beinen lassen sie zu sich kommen. Sie liegt auf dem Rücken, auf dem Asphalt. Es ist immer noch kalt. Das Atmen fällt ihr schwer, als würde ein riesiger Fels auf ihren Brustkorb drücken. Ihre Kehle ist verkrustet. Sie röchelt, verschluckt sich, hustet und wimmert vor Schmerzen.
Schließlich versucht sie langsam die Augen zu öffnen. Nur einen schmalen Spalt kann sie erkennen. Morgennebel. Neben ihr ein LKW mit grüner Plane. Langsam beginnt sie sich zu erinnern. Das "Industrial", die Disko!
Sie kann sich nicht bewegen, nicht den Kopf heben. Beim Versuch schießen wahnsinnige Schmerzen durch ihren Bauch. Augenblicklich kneift sie die Augen zusammen und verzieht das Gesicht.
Woher diese Schmerzen? Oh, so fühlt sich das Sterben an, ganz sicher! Sie wird sterben!
Trotz der frischen Morgenluft laufen ihr Schweißperlen über die Stirn. Mühsam atmet sie und wartet, bis der Schmerz nachlässt.
Den Kopf kann sie zur Seite drehen. Da liegt ihre Handtasche. Die goldene. Etwas Braunes klebt daran. Das Handy! Das Handy, Handy, Handy! Hilfe!
Mit großer Kraft schafft sie es, ihren Arm anzuheben, greift nach der Tasche. Nur ein blutiger Stumpf schiebt sich in ihr Blickfeld. Sie will schreien, kann nicht. Keine Luft. Wunden, Bissspuren. Hautfetzen bemalen den Grund wie ein Pinsel, als sie zitternd zu schluchzen beginnt. Wieder beginnt dieses Stechen im Unterleib, aber das ist nicht alles. Etwas bewegt sich dort an ihren Beinen.
Dann verliert sie das Bewusstsein.

"Der Sheriff", so nennen sie ihn. Frank Barker, der Sheriff. Natürlich nur, hinter vorgehaltener Hand, aber er weiß es trotzdem. Er ist nicht dumm.
Frank Barker ist neununddreißig, sieht aber keinen Tag jünger aus. Im Gegenteil.
Um viertel vor fünf hat ihn das Telefon aus dem Schlaf gerissen. Die Dienststelle. Sofortiger Einsatz im Industriegebiet Ost. Als er sich aus dem Bett gequält hat, ist er mit dem Zehen im Deckenknäul hängen geblieben und auf die Fresse gefallen. Kein Morgenkoffein, stattdessen Morgennebel, dass man ihn schneiden könnte. Der Sherrif hasst Frühnebel!
Seine Laune ist mies, sein schütteres Haupthaar ungekämmt.
"Natürlich will ich Kaffee!", schnauzt er die junge Beamtin an, die ihn am Tatort begrüßt. Schnell sucht diese das Weite.
"Also, was haben wir da?" Eine ernst gemeinte Frage. Keine Antwort könnte hier die richtige sein. Und schon gar nicht für einen schlecht gelaunten Sheriff ohne Morgenkaffee. Die Reihen der Beamten und Spurensicherer lichtet sich. Wer nicht dumm ist, hat jetzt etwas besseres zu tun.
"Meine Fresse...!" Ein Blechhaufen. Die Vorderräder zeigen gen Himmel, die anderen zwei haften so unschuldig auf der Straße, als wäre nichts geschehen.
"Wie kriegt man das hin?" Die Stoßstange ist eingedrückt. Erinnert an die Bilder von Autowracks, die sich um einen Baum gewickelt haben. Nur ohne Baum. Verdreht... Er wirft sein Jacket über der Dienstwaffe zurück und kniet sich neben das Seitenfenster, um einen Blick in die Fahrgastzelle zu werfen. Sein Gesicht färbt sich rot.
"Also verflucht, warum bin ich hier?" brüllt er genervt und steht auf. Suchend blickt er sich um. Jemand wird das zu erklären haben. Sein Blick gleitet über die Beamten, die allesamt versuchen beschäftigt zu wirken. Feuerwehrmann, zwei Polizeischüler, ein Polizeifotograf. Kollegen erfüllen ihren verräterischen Zweitjob bei der Boulevardpresse. Alles Kompetenzlose! Er entdeckt Sheila bei einem Einsatzwagen.
"Sheila!!!" Ein Toter hätte sich erhoben. "Sheila, verdammt noch mal!" Keine Reaktion, kein Blick. "Verfluchte Inderin", zischt er. In der Hand hält sie eine Zettelklemme, auf der sie nebenher einige Notizen macht. "Sheila, Herrgott..!" Er geht auf sie zu.
"Ah, guten Morgen, Frank!" Ihr zuckersüßes Lächeln und ihre gespielte Überraschung bringen ihn an den Rand einer Straftat. "Ganz schön frisch heute morgen!"
Die Tasse auf dem Wagendach fesselt seinen Blick. Sie hat Kaffee, die Schlampe!
"Dafür weckt ihr mich??? Scheiße, Sheila, was soll das, das Ding ist leer!" Ding passt. Autos haben ihre vier Räder alle auf einer Seite. "Keiner da, kein Blut, keine Bremsspuren. Kennzeichen checken, Besitzer suchen, vernehmen! Das ist doch nicht so schwer!!" Sauer aber noch zynisch. Das genügt Sheila.
"Kaffee?" Sie reicht ihm die gefüllte Tasse vom Autodach. Barker nimmt wortlos einen Schluck. "Werd erstmal wach und dann sieh dir das an." Sie drückt das Klemmbrett gegen ihre Brust, eine schöne Brust, wie Barker in seiner Verwirrung auffällt, bevor er den Kaffe mit einem zweiten Schluck leert und seiner Kollegin folgt. Nachdem Martha gestorben war hat er wieder begonnen Weiber zu bewerten. Hier ein Arsch für neun, dort ein Dekoltee für acht Punkte. Eine Angewohnheit, die ihm seine Frau mühsam ausgetrieben hatte. Sheila gibt er heute nur sechs von zehn, aber das liegt nicht an ihren Brüsten.
Als Sheila zwölf war kam ihr Vater mit ihr von Indien hierher. Ihre Mutter starb als sie vier war. Sheilas Vater war ...

Strand

Das hab ich irgendwann zwischen 2004 und 2ßß5 geschrieben, denke ich. Es gab da ein Feld, keine 200 Meter vom Haus meiner Eltern entfernt, das für uns Kinder zu einem Maislabyrinth wurde beim durchstapfen. Und geküsst wurde da auch. In Gedanken bin ich bei dem Gedicht jedoch auf der Halde zwischen Endersbach und Stetten.


Komm wir laufen durch die Ähren
träumen, dass wir Schiffe wären
über goldne Wellen reiten
auf der Reise durch Gezeiten

Sagen, dass das Ruder bricht
und nirgendwo wär Land in Sicht
Lass uns kentern, lass uns sinken
Lass uns im Weizenfeld ertrinken.

Lass uns auf dem Rücken liegen
und sich um uns die Halme wiegen
Die Sonne scheint am Himmelszelt
auf uns herab im Weizenfeld.

Und Wolken sollen in den Weiten
am Himmel dort vorübergleiten.
Der rote Mohn, der kühle Brise
wir streunen duch die Blumenwiese.

Und würd die Abendsonne scheinen,
ich würde glücklich sein und weinen.

ein Wiegenlied ohne Titel, September 2005

Schlafe in Frieden erwarte den Morgen.
Im Schlafe alleine vergehen die Sorgen.
Erträume dir Wolken, welche dich tragen,
erträume ein Leben ohne Fragen.
Ruhe nun sanft und lausche der Nacht,
schließ die Augen und träume sacht.

Beruhige die Seele, denk an diesen Tag
und was er dir alles gebracht haben mag.
dein Geist schweift im Winde, dein Körper ruht
ich verspreche dir heute: morgen wird gut!
Verspreche, dass morgen die Sonne lacht,
nun schließe die Augen und ruhe sacht.

Verwerfe was heute daneben gelaufen
wir werden die Sorgen in Träumen ersaufen
Ich weiß einen Ort, der dir Fehler verzeiht.
Genug auch für heute mit Kummer und Leid.
Bette dich nun und vertraue der Nacht,
schließe die Augen und schlafe sacht.
#Juni06
das war für G., die nicht mehr G. ist.


Du lachst, siehst mich an.
Wir reden und scherzen.
Wir sitzen im Park,
essen Eis
Gedankenverloren geniesen
zu zweit.

Ich lache, seh dich an
Du bist so wunderbar
im gelben Sommerkleid.
Verschmitzt
der Saum blitzt frech
verrutscht, und
du blinzelst, oder
zwinkerst du mir zu?
Stille Post
#September 06
Auch dies schrieb ich in Gedanken an Frau Z.

Was tat ich? Wem gab ich mich hin?
Die sündig' Angst, die mich zur wallung trieb
zeigt mir, wie schwach und hilflos ich nur bin!
Ein leerer Geist! ein leeres Herz, das diese Zeilen schrieb

Oh lass aus diesen lüstern' Stunden
nur dieses eine Mal nichts was kausal
nur keinen Schmerz erwachsen, keine wunden,
dass meiner Schwachheit Folge nicht zur Qual

Ein einzig Trost, ein kleiner Stern
der meine Furcht entblößt und gnadenlos zerbricht
ein kleines Wort: ich hab dich gern!
geflüstert, dennoch voller Zuversicht!

Käfig

Das Gedicht ist das Resultat von ein wenig Herumreimen auf dem Nachhauseweg. Ich hatte ein Dekoherz gesehen in einem Garten. Das Herz bestand aus Eisenstreben, die die Kontur andeuteten. Folgende Assoziation:

Ich hab dich in mein Herz geschlossen
und hab den Schlüssel abgebrochen.
So sollst du nun für immer mein
und mein Herz dein Gefängnis sein.

Gaudeamus igitur

Ich sitze im Zug. Im Ohr immer noch das hochfrequente Klingeln, das mich noch eine Weile begleiten wird. Das Abschiedsgeschenk.
Als ich beschlossen hatte die Party für mein Dafürhalten für beendet zu erklären und den Heimweg anzutreten badeten die ersten Seelen schon in der weingeistgeschwängerten Hoffnung, dass die Spaßkurve ihren Zenit noch nicht schon längst überschritten hatte, wie der verbrauchte Körper einer Bordsteinschwalbe mit Mitte fünfzig, und im traurigen, wenn auch nachvollziehbaren Versuch diesem "letzten" Abend des Zusammenseins noch Mehrwert hinzu zufügen plärrte viel zu laute und schlechte Musik aus den Boxen und viel zu starre, traurige Augen straften das Gelächter aus viel zu trockenen Kehlen lügen. Der Abend hatte die Erwartungen, die der Tag an ihn gestellt hatte nicht halten können und keiner im Raum war Willens sich das einzugestehen. Es musste schließlich etwas Legendäres werden, was man in Erinnerung behält und wovon man sich noch in Briefen und Brieftauben erinnern wird. Eine echt verrückte Nacht!
Das prickelnde Gefühl durchfuhr mich wieder. Ich zuckte unweigerlich zusammen, meine Hoden wurden autonom in die schützende Umgebung der Leistenkanaele gezogen und ich seufzte.
Nicht das angenehme Prickeln, das im Bauch, unweit der Nebennieren und einer verschleppten Blähung nicht unähnlich beginnt, sich gänsefederleicht über die Leisten bis zum Steißbein vorarbeitet und schließlich mit eiskalter Eleganz die Wirbelsäule empor klettert.
Es war eher das "Bitte nicht nochmal"-Gefühl an einen Weidezaun zu packen.
Bevor ich meinen Kopf nach rechts wandte wusste ich, woher dieses Gefühl kam. Sie wusste nicht genau warum sie es tat, nur dass sie es tun wollte. Ich sagte nichts und mein bitterer Gesichtsausdruck schien sie nicht zu stören. Ihre Seele verlangte nach Frieden und Glücklichsein für diesen Augenblick in der ständigen Gewissheit, aus welchen Anlass wir alle hier waren. Und angesichts des abnehmenden Alkoholspiegels und der nach Nachschub japsenden GABA-Rezeptoren kanalisierte sich dieser Wunsch in der Suche nach intensivem Hautkontakt. Ein Anschmiegen, das sich für mich wie Gliederschmerzen anfühlte.
Wer hätte ihr einen Vorwurf machen können? Aber war das der Augenblick, der uns als letztes von einander im Gedächtnis bleiben sollte? Hatten wir nicht unzählige unbezahlbare Stunden verbracht, die das Stimmungsbarometer des Abends - der Uhrzeit - jederzeit mit Leichtigkeit überstiegen hatten? Wozu also das müde Lachen, die Angst vor den kommenden Wochen in den Augen?
Doch es war schon zu spät diese Fragen zu stellen, so wurde es mir auf einmal mit ernüchternder Klarheit bewusst. Nachdem sich jetzt beide der jungen Frauen auf dem Schoß zweier Anwesenden wie zwei Hennen auf ihrem Nest niedergelassen hatten und der Kopf auf die männliche Brust nieder gesunken war beschloss ich also, dass meines Bleibens hier nicht länger sein könne. Wie die Erinnerung an den letzten Kater spürte ich, dass mir dieser Abend morgen vermutlich leid täte und der magische Augenblick schon vergangen war, als die Musik nicht mehr in der Brust und nur noch im Ohr zu hören, die letzte Flasche Sekt ausgeschenkt, die Sprache verwaschen und die letzte Hoffnung von falscher Vorstellung beflügelt zu immer kompromissloseren Ausnahmen bereit war.
Als ich mich anzog spürte ich wieder dieses unangenehme Kribbeln und den unverwechselbaren Druck zweier Brüste, die sich an mich drückten. Acetaldehyd und eine warmer Hauch von Tomatensalat mit Dill baten mich aus myoper Distanz zu bleiben. Ich solle hier schlafen, aber auf jeden Fall solle ich noch bleiben. An einem anderen Tag hätte ich dem Vorschlag eine ernsthafte Chance gegeben, aber die anderen Tage waren vorbei.
Vom Treppenabsatz rief sie mir irgend etwas über ihren Körper nach, das ich nur halb verstand und nicht verstehen wollte. Nicht, dass wir nicht alle den selben Wunsch gehegt hatten was diesen Abend betraf. Ohne mich umzudrehen verließ ich die Wohnung, nicht ohne einem weiteren trunkenen Umarmungsversuch zu entgehen. Sie taten mir leid, es tat mir leid und ich wusste nicht einmal genau warum. War ich ein Spielverderber, ein Freund, der keiner war, wenn man ihn brauchte? Oder hatte ich versucht das alles in guter Erinnerung zu behalten? Zweifelsohne war dem Abend nichts mehr hinzu zufügen gewesen. Zumindest nichts Gutes.
Ich sitze im Zug und fahre fort von der Stadt, die uns zusammen geführt hat. Mit jeder weiteren Minute verblassen die letzten Augenblicke, das merkwürdige Gefühl etwas Wichtiges nicht getan zu haben angesichts der Versprechen, die wir uns zum ersten Toast gegeben hatten. Mit jedem Kilometer wünsche ich uns, dass wir unseren Frieden finden in diesem Abend. Jeder für sich, von einander getrennt und in Gedanken zusammen.

Selbstbeschreibung

 Die Leute, die behaupten, ich würde mich für klug halten sind dieselben die den Glauben an Reichsflugscheiben gut heißen. Hier ein Gedicht,...