Verwachsen

Ich bat dich, meine Liebe:
"Nimm dies!"
Kein Glück, aber
sonst die ganze Welt

Du gehst und nimmst
mich nicht mit,
nimmst mich und
nimmst mich doch nicht mit

Lässt mich im Regen stehn
nimmst mich
nimmst mich nicht mit
und ich verlange nichts

Ich rufe dich, schreie
nach deiner Liebe
mein Name steht alleine
in der Rinde
des Lindenbaums.

Was kann ich für dich sein?
was kann ich für dich geben?
"Nimm dies!", so sprach
ich, bat ich dich:
Mein Herz, mein Stolz
nur mich, mein Leben.

Erinnerst du dich
einst, als du
hier standest.
Und meinen Namen riefst
so laut du konntest.
Mir einst die
Liebe schworst,
die stille Treue

Und ich nicht
sagen konnt, wohin
wozu, und wer
und überwältigt war
von dir.

So fest hieltst du
an dieser Liebe fest
dass alle Überzeugung
ich verlor.
Noch immer klingt
der eine Satz
wie magischer Gesang
in meinem Ohr.

So wagte ich den Sprung
und gab mich auf,
um der Erfahrung,
um der Liebe willen
Wo bist du nun
wo ist, was du beschworen?
Nun bin ich
hier allein und ohne dich
verloren.

Und kommst du noch
nach Jahr und Tag zurück,
wirst du in einem Lindenbaum
geschnitten in die Rinde
mit einem freien Platz
zur Seite
meinen Namen finden.

Der Buchmacher

Einführung in die Geschichte, die vor langer, langer Zeit geschrieben wurde


Alte Hände.
Alte, staubige Hände mit gelblichen Schwielen. Rauhe Hände, von vieler Tage Arbeit. Ledrige Haut, vom Sande der Wüste. Zitternde Bewegungen, von der Kälte der eingeschneiten Schlachtfelder. Stumpfe Nägel, die nicht mehr wachsen. Darunter wie die Ringe eines Baums: eine kurze Geschichte der Zeit.
Rechts schiebt die grauen Leinen von der Linken, den behaarten Arm hinauf. Sie rutschen zurück.
Links hält sich an Holz. Graues Holz, alt, staubig. Rauhe Maserung, rostige Nägel. Kirsche vielleicht, vielleicht noch härter. Oder das Holz von Noahs Arche.
Dunkle Dielenbretter, so unregelmäßig wie Treibholz. Vielleicht ist es das. Es hat sich etwas glattgerieben, vom Auf- und Abgehen. In den schattigen Spalten sitzt der Dreck der Straße. Abgelaufene Sandalen, die Füße darin erinnern daran, wie weit sie Menschen tragen können.
Ein Stuhl, nein ein Schemel. Ein Hocker. Kein großer Mann, eher schmächtig. Die Hexe gab ihm einen Buckel. Und auf dem Tisch...
Die Kiste ist leer, soweit leer überhaupt eine Bedeutung hat in dieser Kiste. Er nimmt das Brett und befestigt es an seinem Platz. Er legt den Hammer zur Seite, auf den Tisch. Etwas geht durch seinen Kopf.
Grauenvoll, seine Augen sind so dunkel, man kann sein Gesicht nicht sehen. Nicht, dass es Schatten gäbe in diesem Raum...
Prüfend horcht er an der Kiste. sein Haar fällt in einzelnen, grauen Strähnen von seinem Haupt und er streicht es beiseite. Es ist leise im Zimmer, im Raum, in der Zeit. Ein riesiges Rad dreht sich und setzt etwas frei, das niemals den Himmel sah. Am Mittelpunkt der Erde gibt es keine Sonne. Sein Körper, seine Seele, sein Geist, sie alle sind mit dem Rad verschmolzen. Doch es windet sich, frisst. Entrinnt. Der Mann schreckt auf, öffnet die Augen. Man sieht es und wundert sich. Der Mann ist blind.
Er ergreift den Hammer und führt den Dolch gegen die Kreatur. Ein lauter Knall erschüttert den Raum und wirft den Tisch um und all die Geräte. Das Licht erlischt. Es knackt, als wenn Knochen splittern. Die Kiste zerspringt, kein Teil, das auf dem anderen bleibt. Die Stücke fliegen durch das Zimmer. Ins Dunkel. Das Dunkel breitet sich aus. Schwefelgeruch. Das Tier schreit, es blutet. Es schreit. Dann ist es einfach weg und es ist wieder ruhig.
Mit einem Zischen entzündet der Meister ein Schwefelholz, das er von einem zitternden kleinen Mädchen gekauft hat, für ein paar Pfennige. Und er reicht die Flammen auf einen Kerzenstummel. Es wird warm und man sieht, wie der Meister bereits die Teile geschickt zu einem Ganzen fügt. Er nimmt neue Teile dazu, frische, zurecht gebogen und sorgfältig ausgewählt. Seine Finger arbeiten flink. Schon läuft ihm Schweiß die hohe Stirn herab, wäscht Spuren auf die dreckige Wange bevor sich die Rinnsale sammeln und als dunkle Flecken auf den Leinen bleiben. Schläuche füllen sich und zucken unruhig. Der Alte dreht an der Kurbel. Seile spannen sich, Ketten und Scharniere quietschen, als die Synthese erneut beginnt. Es kocht das Blut. Der Alte atmet schwer. Aber er lächelt, er lacht. Zunächst als nur ein Kichern doch es schwillt an. Ein kühler Wind streicht leise durch die Blätter und spielt mit den Früchten, schaukelt sie hin und her. Und schwingt stärker und schwerer. Der Wind wird zum Sturm, machtvoll und ungezügelt, bis es beinahe wehtut. Der Sturm reißt kleine Äste ab und treibt den Regen wie eine Peitsche. Und er, er schüttelt sich vor Lachen.

Inspired by

Landstreicherdollar

Die nachfolgende Geschichte hat sich tatsächlich zugetragen. Ich nehme an, dass die Bilder Beweis genug sind.

Manchmal wird man überaus abrupt und unsanft aus der sinnhaften Welt und der Vernunft gerissen und in einen Strudel aus Spannung und Angst am Rande des Wahnsinns gesogen. Zumeist geschehen Geschichten, wie ich sie nun zu erzählen habe, wie ich sie nun erzählen MUSS, in Romanen aus Neuengland. Geschehen in Maine, Rhode Island oder Massachusetts, in Städten wie Providence oder Derry, Arkham oder Castle Rock, wo Siedlungen zu weit auseinander liegen, als dass die Natur zwischen ihnen von mehr als nur einigen verschrobenen Einsiedlern, die in diesen Wäldern leben überblickt werden kann und wo selbst Jene, denen die Gesellschaft anderer Menschen oft so unangenehm zu sein scheint, wie ein wüster Fiebertraum sich nicht in die schattigsten Tiefen dieser unbekannten Welt vorwagen. Wo die Wenigsten ahnen, welches geheime Leben oder Nichtleben der Forst dort noch vor unseren Augen und unserem Verstand verbirgt.
Doch meine Geschichte findet nicht in der verschwommenen und unwirklichen Ferne statt, sondern in Deutschland, unweit meines Heimatorts. Und auch nicht in einem endlosen, dunklen und schluchtendurchsetzten Wald, sondern nicht weit von den letzten Siedlungen und Wochenendgärten, in denen die Rentner ihre Gemüsebeete pflegen und Schichtarbeiter an sonnigen Wochenenden Nackensteaks grillen und der Fußballübertragung im Radio lauschen.
Vor einigen Monaten wurde ich auf eine neue und überaus amüsante Art des Zeitvertreibs aufmerksam. Dabei verstecken Teilnehmer dieses weltweit organisierten Spiels an signifikanten öffentlichen Orten kleine Hinweise oder Schatzkisten, die mit Hilfe eines Rätsels oder einer Frage oder aber ganz unmittelbar zu geografischen Koordinaten führen und so gefunden werden können.
Nachdem ich nun bereits einige dieser Schätze gefunden hatte und mich der Reiz auf diese Weise die Natur zu erleben weiterhin nicht losließ, mich sozusagen das Fieber des Schatzsuchers gepackt hatte wurde klar, dass es bald an mir war einen dieser Schätze zu verstecken.
Als Behälter sollte eine ausgediente Munitionskiste genügen, die ich günstig erwerben konnte. Sie war wasserdicht, witterungsbeständig und fiel bereits ohne weitere Tarnung im Wald nur dann auf, wenn des Suchers Augen direkt darauf gerichtet waren.
Mein ursprünglicher Plan, die Box in das Wäldchen in der Nähe einer kleinen Quelle zu bringen scheiterte daran, dass dort bereits eine andere solche Kiste versteckt war. Denn schließlich ist es nicht zweckmäßig und liegt nicht im Sinne des Spiels die Natur mit Schatzkästchen zu durchsetzen. So war ich also gezwungen auf ein anderes Waldgebiet ausweichen, das aber auch allenfalls 200 auf 300 Meter misst und sich unterhalb eines Ackers und in Verlängerung einiger Schrebergärten an einen Nordhang schmiegt, der wiederum jenes Tal begrenzt, dessen Fluss ihm und dem Landkreis seinen Namen gab. Für den geologisch versierten Leser ist es vielleicht interessant zu wissen, dass es sich um das Wäldchen handelt, welches etwa bei den Koordinaten Nord 48 Grad, 48 Minuten, 230 Sekunden und 9 Grad östlicher Breite, 25 Minuten, 300 Sekunden zu finden ist.
Ich näherte mich dem Wäldchen von Südwesten, indem ich einen Pfad zwischen den steinigen und zu dieser Jahreszeit brach liegenden Feldern wählte und mich so dem Waldrand an der Stelle näherte, an der die letzten gärtenumzäunten Hütten und Häuschen stehen.
Ich folgte dem Waldrand in östlicher Richtung und begann bereits meine Umgebung zu inspizieren, um ein geeignetes Versteck ausmachen zu können. Zunächst hielten mich die Nähe zu etwaigen Beobachtern davon ab mich bereits hier in die Büsche zu schlagen, denn es hat sich als sinnvoller erwiesen unauffällig im Finden und Verstecken vorzugehen und auch ein militärisch wirkender Container durch Zufall entdeckt ruft in unserer Zeit zunächst einmal Aufregung hervor und löst allenfalls einen Bombenalarm aus.
So passierte ich einen alten Hochsitz, dessen Beine gebrochen und dessen hölzerne Kanzel morsch und in ungewöhnlichem Winkel in halber Höhe gegen einen Baum gefallen war, sowie einer nicht ganz zufällig aussehenden Anordnung von Ästen aus merkwürdig gebogenem Holz, die ich aus der Ferne für das selbstgebaute Versteck spielender Kinder hielt.
Einige Schritte weiter entdeckte ich mehr dieser ungewöhnlichen Äste, die nicht Baum, nicht Busch und nicht Ranke waren, dennoch hölzern und bis zu armesdick und sich in seltsam anmutenden Windungen und Biegungen durch die Luft wanden, ungleich jedes normalen Astes, der gewöhnlich in Richtung der Sonne und somit zumindest halbwegs gerade wächst. Aufgrund seiner raumeinehmenden Architektur bildete dieses Geäst mitunter mannshohe Hecken aus Gestrüpp und lag nicht morsch und verrottend auf dem belaubten Waldboden. Im Gegensatz dazu waren die knochigen Äste erstaunlich trocken und leicht und von blasser, beiger Farbe, die an einigen Stellen mehr wie ein schmutziges Weiß wirkte. Noch nie hatte ich eine derartig merkwürdige Pflanze gesehen, weder in Natur noch in einer meiner Bücher und Führer über die lokale Flora und Fauna. Die Rinde war in Wuchsrichtung von kleinen Rillen und Kerben durchzogen und wenn es sich um wilde und unbekannte Weinsträucher oder eine seltene Fliederart handeln sollte so war doch unklar wieso diese Pflanze im Wald wachsen und weshalb hier so viele Äste davon herumliegen sollten.
Mir fiel auf, dass die Alchemie der Natur an ihrer bunten Färbung eingebüßt hatte. Selbst im beginnenden Frühjahr gab es in den Mischwäldern wie diesen immergrüne Pflanzen und Gräser, waren die Bäume nicht alle von derselben aschfahlen Eintönigkeit, wirkte das Laub auf dem Boden nicht trostlos und blass.
Schließlich entschied ich in einem flachen Winkel in den Wald hinein und den Abhang hinab zu laufen.
Doch auch hier sah der Wald chaotisch und ungesund aus. Nieder gedrückte Bäume, umherliegende Stämme und Äste, ein Potpourri aus Dingen, die jedes für sich zwar in jedem Wald anzutreffen sind, aber hier in einer Vielfalt und Häufigkeit zusammen fielen, die mich stutzig machte. Dazwischen fanden sich immer wieder von Menschenhand hergestellte Utensilien, wie eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Zaunpfosten, eine alte Sandale oder eine leer Plastikflasche. Eine abgerissene Futterstelle für Wild lag vandaliert auf dem Boden.
Hinter einigen Bäumen stieß ich auf eine jener meterhohen Kabeltrommeln aus Holzbrettern, wie sie im Straßenbau Anwendung finden, um unterirdische Telefonkabel, Stromkabel oder flexible Rohre aufzurollen und etwas weiter einen weiteren Jägerstand. Beides ungewöhnlich so mitten im Wald und jenseits jeder Lichtung. Die hölzerne Rolle lehnte in Hangrichtung an einem Baum, der sie offenbar seit Jahren davon abhielt den Abhang hinab zufallen. Wie sie, wenn sie von der Spitze des Hügel hinunter gerollt war zwischen den eng stehenden Bäumen hindurch und bis hierher gelangt sein konnte war mir schleierhaft.
Der Hochsitz selbst war nicht nur fehl am Platz und auch seine Beine waren wie Streichhölzer eingeknickt, sodass er seitlich zu liegen kam, es wirkte darüber hinaus auch so, als sei er von irgendetwas Großem an den Hang gedrückt worden. Ich stellte mir vor, dass diese Umgebung den Kindern, die das Lager errichtet hatten eine interessante, wenn auch eigenartige Spielwiese bieten musste und nahm an, dass ein Teil der Zerstörung dieses Waldstückes auf das unschuldige und gedankenlose Sammeln von Baumaterial für erwähntes Versteck zurück zu führen war.
Vorsichtig ging ich den Hang entlang und an der erstaunlich gut erhaltenen Kabeltrommel entlang, wenn man das Laub und die Erde als Maß dafür nahm wie lange sie wohl schon hier stehen musste. Ich bemerkte das Fehlen von Fußwegen oder kleinen Pfaden, die Kinderfüße hier beim Spielen und Hin- und Herlaufen zwangsweise hinterlassen hätten und näherte mich dem ehemaligen Jagtposten. Schon bald war klar, dass Kinder nicht in der Lage gewesen sein konnten an die am Hang lehnenden Sitz zu gelangen, stellte es doch bereits für mich eine gewisse Mühe da den Hang bis auf Höhe der Kabine hinab zu steigen und mit gespreizten Beinen an jenen Balken Halt zu finden, die nicht unter meinen Schuhen zu faulenden Spänen zerbrachen. Ich wunderte mich, denn es machte den Eindruck, als sei ich seit Jahren der erste, der hier umher wanderte.
Ich verließ den Wald wieder in Richtung des hangseitigen Felds, da ich diese Umgebung nicht für mein Versteck nutzen wollte. Am Waldrand, nur wenige Schritte Südwestlich wurde ich eines kleinen Rinnsals gewahr, der das überschüssige Wasser der Felder in einer kleinen Spur bergab führte. Ich folgte ihm einige Schritte. Hier waren die Farben des Untergrunds intensiver, der Bodenbewuchs grüner. So entschied ich, dass hier ein geeigneter Ort für meinen Schatz sein sollte und ich fand alsbald eine kleine Kuhle im Boden, die ich mit Sandsteinen aus der Umgebung gegen ungewollten Verfall schützen wollte. Gerade neben dem Bächlein fand ich unter der Blätterdecke eine erhebliche Anzahl kleiner, moosbedeckter Steine, die alle etwa die selbe Größe hatten und so regelmäßig und auffällig platziert waren, als seien sie vor langer Zeit gesammelt und an dieser Stelle hinterlegt worden. Dazwischen ragte ein bleiches, helles Stück hervor, dass ich als ein besonders dickes Exemplar jenes Holz zu erkennen glaubte, das zuvor einen derart seltsamen Eindruck auf mich hinterlassen hatte. Ich zog es zwischen den Steinen hervor und ließ es vor Überraschung sogleich wieder fallen. Zähne ragten aus dem Stück hervor und ich identifizierte das Ding als den rechten Unterkiefer eines Tiers, vermutlich eines Hirschs von dem ich annahm, dass er vielleicht hier am Hang verendet sein mochte.

Bild 1

Demzufolge erwartete ich noch mehr Knochen zu finden und nach einigem Umherlaufen und mit geschärftem Blick fand ich noch zwei weitere Knochen. Den einen identifizierte ich als entzwei gebrochener Wirbel, der andere musste von den Gliedmaßen des Tiers stammen, auch wenn die Dicke des Röhrenknochens mit den eher grazilen Läufen eines Hirschs oder Rehs nicht vereinbar zu sein schien und eher einer Kuh oder einem Kalb ähnelte. Für umso interessanter hielt ich die Frage woher die Kuh hierher gekommen war und weshalb sie hier gestorben sein mochte.

Bild 2

Ich überlegte den Schatz und seine Koordinaten gegenüber anderen Suchern als "Beinhaus" oder "Gebeinsrück" zu bewerben. Warum ich dies niemals tat soll die Geschichte bald zeigen. Dann vergrub vergrub und tarnte ich das Kistchen in der Erde und drapierte die Gebeine am nahestehenden Baum.
Froh und nach getaner Arbeit lief ich auf dem schmalen Wiesenstück zwischen Wald- und Feldrand entlang zurück. Ich entschied noch einen kurzen Blick in die spielerische Behausung der Kinder zu werfen, bevor ich zu meinem Fahrzeug zurück ging. In der Nähe der Aufschichtung spürte ich ein flaues Gefühl in der Magengegend. Eine kaum wahrnehmbare Übelkeit durchzog mich, deren Herkunft mir nicht schleierhaft war. Im Näherkommen kam mir die Anordnung der Äste und die Art, wie daraus eine Hütte geformt war zu professionell für die Arbeit eines Kindes vor. Das Lager befand sich an der Unterseite eines umgestürzten Baums zwischen den Wurzeln und eine Holzbank war gegen den Wurzelballen gelehnt.
Drumherum wuchsen einige der fahlen Ranken aus dem Boden und bildeten zusammen mit einigen alten Zaunpfählen und gesammelten Ästen die Vorderwand der merkwürdigen Konstruktion.

Bild 3

Auf einige der Äste waren metallene Lampenschirme und Emaillebecher gestülpt, ohne das dies einem bestimmten Zweck oder Nutzen erkennen ließ. Die wirren Äste hingen dergestalt über Wurzelballen und Bank, dass anzunehmen war, dass sie als Grundgerüst gedacht und zur Zeit, als die Hütte noch benutzt wurde von Zweigen und Blättern bedeckt waren.
Vor der Hütte ragten die Überreste einer Feuerstelle aus dem Boden. Ein schmutziger, mit Rußspuren belegter Blechtopf stand regenwassergefüllt daneben, als hätte sein Besitzer in soeben erst vom Feuer genommen. Daneben war eine höchst eigenartige und abstruse Konstruktion in die weiche Erde gesteckt worden. Was ich sah könnte sowohl als Bauteil eines Motors, als eherne Fackel oder als Kochutensil Verwendung gefunden haben.

Bild 4

Ich sah mir das an, was ich als Vorder- und Seitenwand der Hütte identifizierte. Sie war behangen mit merkwürdigen Perlenketten, Äste waren zwischen die Knorrigen Finger aus fremdem Holz geflochten ein Gespinst aus Draht reihte Tannenzapfen, Wurzeln und mehrere hölzern anmutende Formen auf, die ich dank meiner anatomischen Kenntnisse als einen Teil der Schädelgrube und einen weiteren Röhrenknochen vermutlich jenen größeren Säugetiers identifizierte, dessen Unterkiefer ich einige Minuten zuvor bereits entdeckt hatte.

Bild 5
Bild 6
Bild 7

Diese Hütte war zu alt und zu verkommen, als dass sich hier jemanden an meinem Umherstöbern stören könnte und so trat ich näher, von Neugier, wie von Abscheu durchzogen, die dieser Ort in mir erweckte.
Durch die verkrüppelten Ranken, die offenbar auch in das Innere der selbstgebauten Höhle gewachsen waren versuchte ich mir Zutritt in das Innere zu verschaffen.
Dabei blieb ich unweigerlich im wilden Geäst hängen und meine Bewegungen ließen die Blechstücke, die um mich aufgehängt waren lauter scheppern, als ich es von den kleinen Metallteilen erwartet hatte.

Bild 8

Ganz offensichtlich war dies eine Art Alarmanlage, mit der unerlaubter Zutritt sofort auf sich aufmerksam machten musste.
Unter einer wie ein Mistelzweig aufgehängten Wurzel zwängte ich mich in die Konstruktion.

Bild 9

Hier drinnen wurde mir klar, weshalb mir so merkwürdig war, denn der Gestank, den ich draußen nicht bewusst wahrgenommen hatte, der fischige Gestank nach nasser Verwesung, Staub und Fäulnis ließ mich die Hand vor Mund und Nase pressen. Dennoch untersuchte ich, hockend, die Umgebung des Raums Stück für Stück. Das Geflecht aus Wurzeln, aus dem beigen Holz und deplatziert wirkender Gegenstände setzte sich hinter der Bank fort.

Bild 10
Bild 11

Schon von außen war mir ein Gegenstand in diesem Wohnraum sofort ins Auge gesprungen und ich war gierig darauf in seine Nähe zu kommen.

Bild 12

Ich schauderte bei dem Gedanken weshalb die Hütte mit Knochenstücken und knotigen Wurzeln behangen war und weshalb dort unten, hinten, unter einer Bank die andere Hälfte jenes Unterkiefers lag, den ich zuvor aus einem Haufen Steine, etwa 100 Meter weiter gezogen hatte!

Bild 13

Was war im Geiste desjenigen offensichtlich verwirrten Irren passiert, dass er sich mit derlei Verfall und kranker Apperatur umgab? Was hatte dieser Wahnsinnige hier getrieben? Was hatten die Symbole zu bedeuten, die in einige der Pfähle geritzt waren und die keiner mir bekannten Sprache entstammten und jeder vernünftigen Geometrie zu trotzen schienen? Hatte der Kerl, das Wesen, das die Hütte erbaut hatte das Tier verspeist, vielleicht auch erlegt? Und wieso hatte er - ES - sich mit seinen Gebeinen umgeben?
Ich fand unter der Bank nicht nur den Kiefer, sondern weitere Knochen, zum Teil sorgsam auf Draht gespannt, zum Teil gespalten oder mit einem Werkzeug oder Zähnen bearbeitet oder zersägt.

Bild 14
Bild 15

Und ich fand noch etwas in der lehmigen und laubbedeckten Erde: eine rostige Keksdose.
In meiner Neugier ließ ich mich von keinerlei Vorahnung davon abhalten die Dose vorsichtig zu öffnen. Ein Windstoß kam auf und bewegte die trockenen, brüchigen Blätter graugelben Papiers, die ich in der Dose fand.
Mit einem Mal wurde der Fischgeruch stärker und ich taumelte etwas, als mir der Gestank erneut in die Nase stieg.
Die Seiten waren mit dünner, bräunlicher Tinte beschrieben und bekritzelt.
Sie waren offensichtlich mehrmals nass geworden und wieder getrocknet, was ihren steifen Charakter und die verschwommenen Schriften und Zeichen hier und du erklärte.
Als ich die Seiten vorsichtig untersuchen wollte hörte ich ein Stück hinter mir das leise Knacken einiger Äste. Ich hielt inne. Dieser Ort war zu eng, als dass ich mich hätte schnell umdrehen können. Zudem kam es mir vor, als ginge ein kaum merkliches Vibrieren durch den Boden unter meinen Füßen. Panik ergriff mich.
Ich hatte nur einen kurzen Blick auf die Zettel geworfen, aber mir war sofort klar gewesen, dass ich hier nicht sein sollte. Der Wind heulte auf und an mir vorbei und erstarb schließlich, doch das unmenschliche, mechanische Geheul blieb und kam nun von direkt hinter mir.
Sogleich schloss ich die Dose, legte sie zurück an ihren Platz und machte mich so schnell aus dem Staub, wie ich konnte.
Was ich von diesem Ort mitnahm, außer einiger Fotografien, die nicht in der Lage sind die Abstrusität und den schwelenden Wahnsinn zu vermitteln, der an jener Stelle inmitten unserer sogenannten zivilisierten Welt haust wage ich nicht hier niederzuschreiben. Ich wage auch nicht daran zu denken was oder wer jenen ekelhafte Geruch und das Knacken der Äste in meinem Rücken verbindet. Was auf der obersten Seite brüchigen Papiers beschrieben und bezeichnet ist, die ich, bevor ich die Dose wieder schloss in der Tasche meines Mantels verschwinden ließ ist unbeschreiblich. Ich kann dazu nur sagen, dass ich froh darüber bin nicht hinter der Hütte nachgesehen zu haben, hinter dem Wurzelwerk, das in Richtung des Abhangs liegt. Denn dann wären es vielleicht nicht nur Tierknochen gewesen, die ich in jenem Hain, so unweit unserer Behausungen und dennoch so fern jeder zivilen und vernünftigen Welt gefunden und auf denen dieses unbeschreibliche Wesen herum gekaut und geschmatzt hätte. Ich hoffe und bete darum, dass meine Fantasie es war, die mich an der Nase herum geführt hat, aber ich bezweifle dies. Ich sitze am Computer und tippe die letzten Zeilen dieses Textes, damit jene gewarnt seien, die glauben, dass der Wahnsinn alleine in Romanen aus Neuengland und in unzugänglichen Schatten beheimatet ist. Ich werde mich nun noch einmal waschen, denn der fischige Gestank ist wieder stärker geworden. Ich sollte tatsächlich noch ein letztes Mal duschen. Doch ich traue mich nicht mehr mich im Spiegel zu betrachten. Etwas an mir hat sich verändert und ich werde hier weg müssen. Raus aus dieser Wohnung. Etwas verfolgt mich und ich weiß, dass diese Wände es nicht aufhalten werden. Zu wenig Knochen und zu wenig Allraunen. Muss mich vorbereiten.

Lost ist vorbei.

Lost hat hier zweierlei Bedeutungen. Zum einen steht es für das Ende der letzten Staffel...
Es ist direkt nach Wegzehrung entstanden.

Und jetzt
mach ich weiter wie immer
studieren und lesen
trainier'n, sublimieren
Hat damals ganz gut funktioniert.

Geh ohne zu lernen
aus dieser Geschichte
vernichte
Erinnerungen und Berichte,
täusch Taubheit vor, fragt wer nach dir.

Das Leben geht weiter
und bald schon erweist sich
dass "brauchen" und "lieben"
erstickbare Triebe sind

Die Sonne scheint heiter
ein Schimmer
das Erste und letzte
was ich von dir habe
trag ich heut noch immer.
Von beiden der kleinere Silberring
mit deinem Namen
glänzt an meinem Finger.

Wegzehrung

Eines der Gedichte, die der Melancholie eines Montagmorgen entsprungen sind.
Wie das meiste Gute eigentlich in einem Stück runtergeschrieben auf Papier im Hörsaal.
Ich dachte einen Augenblick daran es "Appetitverlust" zu nennen, fand dann aber, dass das dem Ganzen eine zu trübe Note gab.

Die Zwiebel, die immer ich schneiden sollte
Die Dose Mais, verstaubt, für uns're Pizza
(von denen wir mal zwei geschafft ham)
denn ich mag eigentlich keinen Mais.

Die braune Papiertüte
für die Sachen zum Backen
das hab ich behalten.

Blutorangensaft direkt und Brötchen
zum Frühstück an sonnigen Samstagen

und kürzlich fand ich im Froster
Mini-Cordon-bleus und Chickenwings

Die großen Portionen, die ich immer noch kaufe
noch koche und esse, weil dus nicht mehr tust.

Falls du mal kommst
spontan nach der Arbeit
mit Hunger
ist also noch was da für uns.
...keine Sorge!

Die Gedanken sind frei

Diesen Text habe ich in meinen Unterlagen gefunden.
So wie ich das sehe ist er von vor Mai 2005, schätzungsweise aber von 2004.
Ich glaube mich zu erinnern, dass mich damals etwas im Fernsehen dazu inspiriert hat diesen Text zu schreiben.


-Die Gedanken sind frei-
Albert im Rollstuhl. Der gelähmte Mann ist in seinem Filzmantel zusammengesunken, der aufgestellte Kragen reicht ihm fast bis über den weißen Haarkranz. Sein Gesicht ist reglos, leicht nach oben gerichtet um nicht hinter dem roten Schal zu verschwinden. Die Haut faltig, an einigen Stellen von kleinen Narben durchzogen. Kraftlos hängende Gesichtszüge, etwas zerknautscht zwischen Filz und Schal. Auf seinem Schoß die Decke aus Schafswolle, die seine nutzlosen Beine vor Frostbeulen schützen soll.
Albert ist auf Hilfe angewiesen, ständig. Nach seinem Unfall vor einigen Jahren blieb ihm gerade noch genug Kraft das Essen das man ihm einflöst herunterzuschlucken. Seit jenem Tag, als er von dem Laster erfasst wurde, ist jede Bewegung in ihm eingeschlossen. Elsa kümmert sich um ihn.
Manchmal weint sie, saß nächtelang neben seinem Bett im Krankenhaus. Pflegte ihn, als er nach Hause konnte, kratzte mühsam die schmale Rente der Beiden zusammen, für die Medikamente. Begann sogar wieder zu arbeiten, Kinder zu betreuen, wenn sie von der Schule kamen.
Sie wäscht ihn jeden Morgen, schüttelt sein Bettzeug auf und gibt ihm zu Essen, spricht mit ihm, obgleich sie weiss, dass er niemals wird antworten können.
49 Jahre sind sie bereits verheiratet. Das nächste Jahr würde das Goldene werden. Manchmal erinnert Elsa sich, wie er damals plötzlich vor ihrer Tür stand, mit einem Strauß Wildblumen in der Hand und einem schüchternen Lächeln im Gesicht. Obwohl ihr Vater im Zimmer war, lud er sie auf einen Ausflug mit dem Cabrio ein, fuhr mit ihr raus aufs Land um in einem Kornfeld um ihre Hand anzuhalten. Seither sind sie jeden Tag beisammen gewesen.
Auch wenn an ihrem Hochzeitstag nur der Rohbau ihres Hauses fertig war, war er nicht umhin gekommen, sie auf seinen Händen über die Schwelle zu tragen.
Seit dem Unfall muss sie ständig für ihn da sein, Albert den Pflegefall. Albert, den reglosen Krüppel, der unfähig auch nur zu lächeln. Jener Albert, aus dem Kornfeld. Der Albert, der Vater ihres Kindes. Albert, das Kreuz, Albert die Last. Albert, ihr angetrauter Ehegatte. Manchmal, wenn sie ihn ansieht ertappt sie sich bei der Frage, wieviel von Albert noch in diesem Elend steckt.
Jener Albert sitzt nun in seinem Rollstuhl, den Blick wie immer müde nach vorne gerichtet, teilnahmslos in die Ferne. Mitten in der winterlichen Dämmerung, mitten in der Kälte, auf dem Feldweg. Hinter ihm steht Jenny, die ihn mit viel Mühe über den steinigen Boden hierhergeschoben hat und wartet. Sie warten auf Elsa, die jeden Augenblick hinter der Biegung erscheinen kann. Und da ist sie. Kleine, unsichere Schritte in viel zu kalten Halbschuhen, den Daunenmantel bis oben geschnürt stolpert sie über Stock und Stein auf die Beiden zu.
"Huch, was macht ihr denn hier draußen? Es ist ja eisig kalt!", spricht sie, den Blick immer wieder auf den Weg vor ihren Füßen gerichtet um nicht zu fallen.
"Komm hierher, Mammi." ruft Jenny. Elsa legt die letzten Schritte zurück.
"Warum habt ihr mich denn hier heraus gerufen? Ist etwas passiert?" - "Beruhig dich, Mammi, es ist alles in Ordnung." Behutsam schiebt sie Albert in seinem Stuhl etwas nach oben. "Papa möchte dir etwas zeigen." Keine Regung in Alberts Gesicht. Jenny geht einige Schritte auf das Feld zu, das vor ihnen liegt und greift nach etwas am Wegesrand. Zwischen dem kniehohen Gras auf dem Feld blinken Lampen auf. In rotem Licht liest man die Lettern "Danke" zwischen gilblichen Halmen und Stroh. Elsa hebt erschrocken die Hand vor den Mund. "Oh mein Gott!"
"Das ist für dich. Von Papa." - "Oh mein Gott!" Elsa blickt ins Feld. "Das ist unser Kornfeld." - "Ich weiß. Papa wollte dir hier Danke sagen. Für alles, was du ihm bedeutest, für all deine Mühe mit ihm." - "Oh mein Gott!" Diesmal kullern Tränen unter den braunen Rändern von Elsas Brille hervor.
"Es hat lange gedauert, bis ich wusste was er meinte." Jenny ist zwischen ihre Eltern getreten und spricht nun leise. "Und ich ihm helfen konnte. Er hat dich unheimlich lieb, Mammi"
Sie schluchzt ein wenig. "Ich... ich..." - "Für deine Fürsorge, Mammi, und deine Liebe." Jenny legt ihr die Hand auf die Schulter. Albert blickt aufs Feld. Durch tränenverschwommene Augen sieht Elsa ihren Mann an, stolpert zu ihm, beugt sich über ihn. Umarmt ihn und küsst ihn. "Mein Albert..."
In Alberts Augen glänzen rote Buchstaben. Eine Träne rinnt seine Wange herab.
Albert ist noch nicht tot.

Original Mitschrieb

... aus dem Kurs "Medizinische Informatik". Nach und nach tröpfelten die Sätze zusammen und wenn wir noch mehr Kurstage gehabt hätten, ich bin mir sicher, dann wäre die Geschichte noch länger geworden. Ob ich sie noch weiter schreibe? Ja vielleicht, sobald Zeit ist. Der rote Faden ist schonmal gespannt.

Als der Junge erkannte, was er soeben mit eigenen Augen erlebt hatte, lief er aus dem Zimmer und auf das Dach des Hauses.
Seine Augen starrten leer gen Horizont, als er an den Rand des Dachfirsts trat. In seiner Hand baumelte die Puppe, deren Kleid bereits wieder zu verwelken begann, deren hölzernes Gesicht sich entfärbte, aschfaal und spröde wurde. Augen und Mund des Jungen standen stumm offen, die untergehende Sonne brach sich in seinem Blick. So stand er völlig regungslos und ließ Schweiß und Tränen auf seiner schmutzigen Haut trocknen. Bis er sich zu einem letzten schweren Atemzug, mehr einem Seufzen anhob, sich der kleine Körper bog und bäumte und sich vom Dach des Hauses abhob.
Die Arme ausgebreitet, den Kopf im Nacken brach der Junge an der Brust auseinander und eine riesenhafte Libelle zwängte sich aus der Hülle. Das bizarre Szenario spiegelte sich tausendfach in den lidlosen Facettenaugen wieder. Sechs stahlblaue Scheren verkrallten sich in den aufgeplatzen Leib, während das Insekt die unsichtbaren Flügel aus der Umklammerung des Brustkorbes befreite, bis sie in Regenbogenfarben schillerten, als seien sie aus Seifenblasen.
Mit einem Ruck drückte sich das Tier von seiner Hülle ab. Der Leichnam fiel zu Boden, zurück auf das Dach, wie ein nasses Kleidungsstück. Die Libelle jedoch erhob sich und flog unter immer leiser werdendem Brummen in die Abenddämmerung davon.
An der Seite des Jungen lag die alte Holzpuppe. Die Kleidung war nur mehr Fetzen, die bunte Lackierung fast vollständig verschwunden. Nur der Mund, als lächelnder Strich war noch zu erkennen.
Gerade als die Sonne ihre letzten Strahlen über den Horizont warf begann es zu regnen. Der Körper des Jungen jedoch veränderte sich unter den Tropfen, wurde dünner, blasser, löste sich auf und wurde abgewaschen, bis nichts mehr von ihm vorhanden war.

Selbstbeschreibung

 Die Leute, die behaupten, ich würde mich für klug halten sind dieselben die den Glauben an Reichsflugscheiben gut heißen. Hier ein Gedicht,...